Elternkurs: Unterstützte Kommunikation & erste Gebärden
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Einblick in die pädagogische Arbeit

Oliver nimmt seit etwa eineinhalb Jahren regelmäßig an einem Angebot für traumatisierte Kinder („Innere Seelenschaukel – ein sicherer Ort in einer schweren Zeit“) teil. Das Angebot findet in kleiner Gruppenkonstellation statt und wird mit hohem pädagogischem Geschick sowie einem traumasensiblen Ansatz durchgeführt.

Trotz dieses geschützten Rahmens zeigt Oliver immer wieder starke Impulsdurchbrüche. In solchen Situationen benötigt er eine engmaschige, kontinuierliche Begleitung, um Eskalationen vorzubeugen und seine Impulskontrolle zu unterstützen. Besonders hilfreich ist für ihn eine konstante Bezugsperson, die ihm in akuten Situationen konkrete Handlungsstrategien aufzeigt und ihn aktiv bei deren Umsetzung begleitet.

Oliver reagiert sehr schnell mit starken Schamgefühlen und zeigt gleichzeitig ein ausgeprägtes Bedürfnis, sich nach außen als „der Stärkere“ zu präsentieren. Er schämt sich für seine Tränen und emotionalen Ausbrüche. Wiederholt äußert er, dass andere Kinder Angst vor ihm haben sollen oder dass alle Menschen Angst vor ihm haben müssten. Dies deutet auf die Entwicklung einer Überlebensstrategie hin, die aus seinen bisherigen Erfahrungen resultiert und dem inneren Muster folgt: „Wer stark ist, wird nicht verletzt.“

Parallel dazu zeigt Oliver ein außergewöhnlich großes Interesse an emotionalen Zusammenhängen. Er stellt reflektierte und tiefgehende Fragen wie:

  • Warum geht es einem Kind schlecht?
  • Warum reagieren Menschen mit Schreien?
  • Warum werden Kinder vor die Tür geschickt?
  • Warum treten unterschiedliche Gefühle in unterschiedlichen Situationen auf?

Er kann sehr klar benennen, welche sogenannten Triggerpunkte ihn belasten und warum es ihm in bestimmten Situationen nicht gelingt, sich selbst zu regulieren. Ist in herausfordernden Momenten rechtzeitig eine pädagogische Fachkraft an seiner Seite und werden ihm konkrete Handlungsstrategien angeboten, gelingt es Oliver zunehmend besser, diese anzunehmen und sich zu beruhigen. Teilweise reicht bereits ein kurzer, frühzeitiger körperlicher Kontakt, um eine Eskalation zu verhindern. Entscheidend ist hierbei das frühe Eingreifen.

Erfolgt diese Unterstützung nicht rechtzeitig, steigert sich der Wutausbruch erheblich. In diesen Situationen wirft Oliver Gegenstände umher, geht auf andere Kinder zu, schlägt oder tritt sie. Gleichzeitig zeigt er ein sehr stark ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden für sich selbst, das jedoch im Umkehrschluss kaum Raum für die Perspektiven anderer Kinder lässt.

Derzeit erhält Oliver keine psychologische oder therapeutische Unterstützung. Umso bedeutsamer ist für ihn die zweimal wöchentliche Teilnahme an dem genannten Angebot.

Die Einrichtung einer Schulbegleitung wird von unserer Seite als sehr sinnvoll und notwendig eingeschätzt. Oliver benötigt insbesondere Unterstützung im Bereich der Emotionsregulation, der Einordnung sozialer Situationen sowie bei der Umsetzung erlernter Strategien im Alltag.

Die Empfehlung einer medikamentösen Behandlung durch das SPZ wird derzeit aus unserer Sicht, wie auch der Eltern zurückhaltend bewertet. Vorrangig sehen wir den Bedarf in der Stärkung von Oliver Selbstregulationsfähigkeiten sowie seiner sozialen Kompetenzen. Insbesondere im sozialen Miteinander zeigen sich noch Unsicherheiten. Oliver soll schrittweise darin unterstützt werden, andere Kinder als soziale Partner mit eigenem Bedürfnissen und Herausforderungen wahrzunehmen und Konflikte über Kommunikation und gemeinsame Lösungsfindung zu bewältigen.

Oliver verfügt über einen großen Wissensdurst und ein beachtliches kognitives Potenzial, das er jedoch häufig nicht abrufen kann, da seine emotionalen Belastungen stark bindend wirken. Mit der passenden Unterstützung zeigt er jedoch deutlich, welches Potenzial in ihm steckt.


Kirstin Pöhl
k.poehl@lebenshilfe-he-wf.de

 

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